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Veröffentlichung

Dzielak, W.; Hindrichs, W.; Martens, H.; Stanislawski, V.; Wassermann, W. (1978): Belegschaften und Gewerkschaft im Streik. Frankfurt: Campus.

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Details

InstitutionSozialforschungsstelle Dortmund
ProjektbeteiligteProjektleitung Pöhler, Willi; weitere Projektbearbeiter (bei den ersten Erhebungs- und Verarbeitungsschritten): Hindrichs, E.; Kruse, W.; Surkemper, K.-P.
ProjektcharakterDeutsche Forschungsgemeinschaft, Förderschwerpunkt „Industrie- und Betriebssoziologie“
weitere VeröffentlichungenIn den Jahren 1973 bis 1975 wurden insgesamt 6 Forschungsberichte (Einzelfallanalysen, Dokumentenzusammenstellungen, Sekundäranalysen zur gewerkschaftlichen Betriebs-, Tarif- und Organisationspolitik sowie eine Analyse der „Streiknachgeschichte“ erstellt (alles graue Literatur). Ferner resultierten aus dem Projekt vier Staatsexamensarbeiten aus den Jahren 1972 und 1973) (Literaturangaben in der Buchpublikation).
Projektlaufzeit01/1971 bis 12/1975
Erhebungszeitraumab Frühjahr 1971
Fälle12 betriebliche Streikfälle in 6 Verwaltungsstellen zweier Bezirke. Wirkungen, Motive, Organisationsformen, strategischen Überlegungen der ihn organisierenden Akteure auf Seiten der Belegschaften. Die betrieblichen Streiks werden dazu in den Kontext der Gesamtanlage und der Durchführung des gewerkschaftlichen Streiks gestellt. Bedingungen, „Vor- und Nachgeschichte“ des Streiks im Blick auf die Gesamtorganisation werden gleichermaßen untersucht.
AuswahlGegenstand der Untersuchung ist der Chemiestreik im Frühjahr/Sommer 1971, der über 4 ¼ Wochen in der Form eines „aktiven tariflosen Zustands“, d.h. ohne vorausgegangene Urabstimmung in schließlich vier Tarifbezirken (Nordrhein, Hessen, Westfalen und Hamburg) durchgeführt wird. Die betrieblichen Erhebungen konzentrieren sich auf die Bezirke Nordrhein und Hessen.
ErhebungIm Blick auf den Prozesscharakter von Streikhandeln wird eine „Kombination verschiedener Erhebungsmethoden“ gewählt „nämlich Befragung von Streikbeteiligten, Gruppeninterviews, Experteninterviews, teilnehmende Beobachtung und Dokumentensammlung“ (S. 43). Bei den Interviews wurde Wert darauf gelegt, „Mitglieder der verschiedenen im Streik hervorgetretenen Gruppen“ in einer möglichst dialogischen, „nicht asymmetrischen“ Form zu befragen (S. 45). Insgesamt liegen der Unersuchung 126 Interviewabschriften zugrunde. Die Interviews dauerten zwischen 2 und 3 ½ Stunden. Die teilnehmende Beobachtung diente der „möglichst authentischen Aufnahme von Handlungsabläufen“. Sie bezog sich auf „Streikversammlungen, Sitzungen gewerkschaftlicher Streikführungsgremien, Demonstrationen, organisatorische Einzelheiten der Streikdurchführung“ (S. 45). Das methodische Vorgehen ermöglichte so auf der einen Seite ein, vertrauensbasiertes, Eindringen in sonst gegenüber Außenstehenden verdeckte Aspekte der betrieblichen und gewerkschaftlichen Streikorganisation. „Ein ähnliches Eindringen in die ‚innere Perspektive’ des Streikgegners’ war damit zugleich ausgeschlossen (S. 44) .
ForschungsgebietInformelle Sozialbeziehungen; betriebliche Arbeitsbeziehungen; gewerkschaftliche Interessenvertretung; Tarifpolitik
FragestellungDer Titel des Forschungsprojekts „offene und verdeckte Konflikte im Betrieb“ lässt erkennen, dass im Zusammenhang der einzelbetrieblichen Streikfälle „die Handlungsspielräume und die wechselseitigen Abhängigkeiten der verschiedenen Gruppen und Ebenen der Belegschaften und der Gewerkschaft in einer Branche“ von besonderem Interesse waren, die „auch für die Interessendurchsetzung im betrieblichen Alltag von Bedeutung“ sind, deren „Strukturen und Probleme“ aber „im Streik (…) deutlich hervor“ treten (S. 11f.). Die Streikuntersuchung thematisierte so „Fragen der Konstitution von Belegschaften und Gewerkschaft und damit letztlich Aspekte der subjektiven Konstitution der Arbeiterklasse“ (S. 12).
TheoriebezugZur „theoretischen Einordnung des Untersuchungsgegenstandes“ werden dessen konfliktsoziologische, handlungssoziologische, betriebssoziologische und gewerkschaftssoziologische Dimension entfaltet (S. 15-50). Hervorzuheben ist zum einen der Anspruch, anknüpfend an die konfliktsoziologischen Debatten der Zeit (Dahrendorf, Coser, Adorno/Jaerisch, Krysmanski) den industriellen und sozialen Konflikt in Anknüpfung an marxistische Konzepte, also in strukturtheoretischen Kontexten zu analysieren. Hervorzuheben ist zum zweiten, dass die empirische Analyse von „letztlich Aspekte(n) der subjektiven Konstitution der Arbeiterklasse“ in methodisch-methodologischer Hinsicht phänomenologisch geleiteten Forschungsansätzen folgt. Explizite Bezüge werden ferner bei den Erörterungen zur handlungssoziologischen Dimension der Untersuchung zum symbolischen Interaktionismus (Matthes/Schütze, Ottomeyer, Müller) hergestellt. Neben strukturellen Bedingungen wird so z. B. auf die Bedeutung von „prozessimmanenten Handlungsbedingungen“ im Sinne von „aggregierende(n), kumulative(n), akzelerierende(n) oder retardierende(n) Wirkungen bestimmter Handlungs-, Organisations- und Bewußtseinszusammenhänge für die Streikentwicklung“ abgehoben (S. 25f.).
ErgebnisseDie Untersuchung hat einen gewerkschaftlichen Streik als einen „Brennpunkt gewerkschaftlicher Politik und Organisation“ (S. 502f.) ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Durch die Verknüpfung der Analyse betrieblicher Streikverläufe und gewerkschaftlicher Politik zielt sie darauf ab, Bedingungen einer wirkungsvolleren Interessendurchsetzung auf Seiten der Beschäftigten und ihrer betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertretungen zu klären, um so die in den Konflikten Handelnden auf die Bedingungen verweisen zu können, an die sie gebunden sind. Dem industriesoziologischen Mainstream der damaligen Zeit angesichts des „Resurgence of Class Conflict“ (Crouch/Pizzorno) folgend hat sie zweifellos die Potenziale damaliger Tarifauseinandersetzungen für die Konstitution von Klassenhandeln und Klassenbewusstsein überschätzt. Zur Erklärung des Wandels der IG Chemie-Papier-Keramik von einer auf dem kämpferischen Reformflügel des DGB exponierten Gewerkschaft zum Protagonisten einer ausgeprägt sozialpartnerschaftlichen Politik trägt die damalige Analyse hingegen sehr viel bei.
ErkenntniszielEs handelt sich um ein grundlagentheoretisch fundiertes Forschungsvorhaben mit bemerkenswert ausgeprägter Anwendungsorientierung. Das wissenschaftliche Erkenntnisziel, über die Analyse eines ausgewählten Konflikts Aufschlüsse über die Konstitution von Klassenhandeln und Klassenbewusstsein zu gewinnen ist daher immer auch zugleich mit dem Ziel verknüpft, entsprechende – und entsprechend aufbereitete – Forschungsergebnisse zu nutzen, um die in den Konflikten Handelnden auf die Bedingungen zu verweisen, an die sie gebunden sind. Hier liegt faktisch ein Rückbezug auf die “konfliktsimulierende Funktion“ der Wissenschaften vor (v. Ferber 1970), der in der Untersuchung selbst allerdings nicht explizit hergestellt worden ist.
SelbstdefinitionDie Autoren betonen, mit ihrer Untersuchung „nicht an eine entwickelte Forschungstradition in der Bundesrepublik anknüpfen“ zu können – anders als in den USA oder Großbritannien (S. 12). Sie gehen davon aus, „dem Prozesscharakter von Streikhandeln am ehesten durch direkte Beobachtungsverfahren gerecht werden zu können“ (S.43), um die dann die weiteren Erhebungsinstrumente gruppiert werden.
MethodenbegründungEs wird von einem engen Zusammenhang von Gegenstand und Methode ausgegangen. „Bei der Wahl und Zusammenstallung (des) Erhebungsinstrumentariums war eine Reihe von Annahmen über die Eigenschaften und Dimensionen des Untersuchungsgegenstandes ‚Streik’ maßgebend“ (S. 43). Dazu werden dann die bereits behandelten Aspekte wie der Prozesscharakter kollektiven Streikhandelns, verdeckte Formen des Handelns und deshalb die Notwendigkeit der Herstellung von eher dialogischen Vertrauensbeziehungen zu den Beforschten genannt.
AuswertungDie auf Tonband aufgezeichneten Interviews werden sämtlich transkribiert. Hinzu kommen Gedächtnisprotokolle teilnehmender Beobachtungen. In methodischer Hinsicht ist die Untersuchung darauf angelegt, zunächst „phänomenologische Darstellungen von Handlungsverläufen“ auf einzelbetrieblicher bzw. örtlicher Ebene zu erstellen und „unter dem Aspekt des Streikerfolgs zu typologisieren“ (S. 49). In weiteren Analyseschritten werden dann „Vor- und Nachgeschichten“ und strukturelle Bedingungen (ökonomischer, rechtlicher, tarif- und betriebspolitischer Art usw.) einbezogen.
FalldarstellungIn der Buchpublikation werden fünf einzelbetriebliche Streikverläufe exemplarisch dargestellt und interpretiert (S. 155-312). Weitere Einzelfalldarstellungen finden sich in zwei der Forschungsberichte sowie mehreren der erwähnten Examensarbeiten. Die Einzelfälle werden wiederum in den Kontext des gewerkschaftlichen Streiks insgesamt gestellt und dieser im Rahmen der Streikgeschichte der Bundesrepublik interpretiert (S. 465-473). Die phänomenologisch geleiteten Fallstudien interessieren also im Kontext eines übergreifenden Zusammenhangs der vornehmlich in Marx’schen Kategorien interpretierten Entwicklung der industriellen Beziehungen in der Bundesrepublik Deutschland.
EingabeHelmut Martens

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