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Martens, H.; Dechmann, U. (2009): Am Ende der Deutschland AG. Standortkonflikte im Kontext einer neuen Politik. Münster.

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InstitutionSozialforschungsstelle Dortmund
ProjektbeteiligteH. Martens; Dechmann, U.
ProjektcharakterHans-Böckler-Stiftung Grundlagentheoretisch orientiertes Forschungsprojekt mit starker Anwendungsorientierung
weitere VeröffentlichungenMartens, H. (2007): Industriesoziologie im Aufbruch? Münster. Martens, H. (2008a): Nokia – oder ‚das Elend der Politik‘, in: Sozialismus 3/2008, S. 29-31. Martens, H. (2008d): Primäre und sekundäre Arbeitspolitik und Öffentlichkeit. Zum Nutzen einer analytischen Unterscheidung in der Debatte um die Revitalisierung der Gewerkschaften, in: Lidner, U.; Nowak, J.; Paust-Lassen, P. (Hg.) (2008): Philosophieren unter anderen. Beiträge zum Palaver der Menschheit. Festschrift zum 65. Geburtstag von Frieder Otto Wolf, Münster. Martens, H.; Dechmann, U. (2007) Forschungsprojekt „Standortkonflikte. Erste empirische Befunde und Schlussfolgerungen für die weitere Operationalisierung der Untersuchung, www.standortkonflikte.de. Dechmann, U.; Martens, H. (2009): Global Players, Betriebsschließungen und Gegenwehr, in: Scholz, D.; Pieper, W.; Schmidt-Hullmann, F.; Karras, A.; Martens, H.; Pia Paust-Lassen, P.; Wolf, F. O. (für das Forum Neue Politik der Arbeit) (Hg.): Europa sind doch wir – Gewerkschaftspolitik für ein anderes Europa, Münster (i. E).
Projektlaufzeit08/2007 bis 01/2009
Erhebungszeitraum09/2007 bis 10/2008 – bei Vorrecherchen in 2006
Fälle„Im Zentrum unserer Untersuchung stehen Fallstudien zu Konflikten, insbesondere um den Erhalt oder Abbau von Arbeitsplätzen. Solche Standortkonflikte waren in den Vergangenen Jahren vermehrt zu beobachten, bezogen sich auf einen neuen Typ von „kapitalmarktorientierten Betriebsschließungen“ (Detje u.a. 2008). Hier handelt es sich um Betriebsschließungen wettbewerbsstarker Unternehmen, die schwarze Zahlen schreiben und von ihrer starken Marktposition ausgehend bestrebt sind, weitere Wettbewerbsvorteile z.B. durch Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer zu erreichen. Die Konflikte haben sich oft durch hohe Intensität und bemerkenswert lange Dauer ausgezeichnet. Uns interessierte der Zusammenhang von sozialem Konflikt und Innovation über die jeweiligen konkreten Konfliktlösungen hinaus v. a. im Hinblick auf das Entstehen neuer Räume für die Entfaltung innovativer arbeitspolitischer Potentiale“ (S. 12). Insgesamt werden 7 Standortkonflikte untersucht, von denen drei Streiks um Sozialtarifverträge aus dem Jahr 2006 aufgrund enger wechselseitiger Interdependenzen zu einer Konfliktfallstudie zusammengezogen worden sind. In einem der anderen vier Fälle handelt es sich um eine Follow-Up-Untersuchung zu einer vier Jahre zuvor erfolgten Konfliktfallstudie (im Rahmen von „H. Martens (2005): Nach dem Ende des Hype).
Auswahl„Wir haben (…) eine Fallstudienauswahl die (1) über den Konjunkturzyklus der Jahre 2002 bis 2008 streut, (2) als handelnde Akteure ganz unterschiedliche Beschäftigtengruppen und deren Interessenvertretungen einbezieht, von un- und angelernten ausländischen Beschäftigten über gut qualifizierte deutsche Facharbeiter bis hin zu Gruppen hoch qualifizierter Angestellter, und (3) immerhin Konflikte im Organisationsbereich dreier großer Mitgliedsgewerkschaften im DGB einbezieht, nämlich der IG Metall, der IG BCE und der Gewerkschaft ver.di. Im Ergebnis ist dies eine für eine explorative Studie gut streuende Auswahl“ (S. 16).
Erhebung„Wir haben diese Konflikte in sozialphänomenologischer Tradition im Wege von Interaktionsfeldstudien analysiert. Die Handlungsperspektiven der unterschiedlichen Akteursgruppen werden über Interviews, wenn möglich auch Gruppengespräche, erschlossen. In Einzelfällen konnte auch das Instrument teilnehmender Beobachtung genutzt werden. Umfängliche Dokumentenanalysen kommen hinzu. Insgesamt stützen wir bei den Fallstudien uns auf 20 Interviews mit hauptamtlichen Gewerkschaftern, 18 Interviews mit Betriebsratsmitgliedern, 6 Interviews mit höher qualifizierten Angestellten, weitere 7 Interviews mit Beschäftigten sowie 4 Gruppendiskussionen. Im Hinblick auf weiter ausgreifende Feldbeobachtungen, in die die Fallstudien eingebettet sind, wurden neben umfänglichen Dokumentenanalysen weitere 6 Interviews und 7 Teilnehmende Beobachtungen (i.d.R. von gewerkschaftlichen Veranstaltungen) durchgeführt. Eine von uns so bezeichnete „rückkopplungsintensive Empirie“ nutzt Feedbackschleifen auf Basis von Zwischenauswertungen zur Generierung zusätzlicher Erhebungssituationen oder in Gestalt von E-Mails und kürzeren Telefoninterviews. Die Erhebung und Verarbeitung des empirischen Materials erfolgt in enger Verschränkung mit der Bearbeitung eines korrespondierenden theoretischen Arbeitsprogramms.“ (S. 16). Die i.d.R. ein- bis zweistündigen wurden auf Tonband aufgenommen, aber nur in Ausnahmefällen bzw. Auszugsweise transkribiert. Stattdessen wurden regelmäßig Gedächtnisprotokolle erstellt, die über Rückkopplungsprozesse validiert und unmittelbar im Fortgang der Untersuchung genutzt wurden.
ForschungsgebietBetriebliche Arbeitsbeziehungen; Gewerkschaftliche Interessenvertretung; Tarifpolitik; Angestellte
Fragestellung„Auseinandersetzungen um den Wirtschaftsstandort Bundesrepublik Deutschland im Zeichen der Entgrenzung von Arbeit und neu aufbrechender Grenzkonflikte (sind) seit einigen Jahren zunehmend zu beobachten. Die Entwicklung wurde in der Literatur unter dem Stichwort eines „Endes der Dekade des Co-Managements“ diskutiert (Rehder 2006). Das Interesse richtete sich dort auf die Bedeutung solcher Konflikte für die Stabilisierung bestehender institutioneller Strukturen angesichts fortschreitender krisenhafter Erosionsprozesse. Im Zentrum unseres Vorhabens stand demgegenüber ihr möglicher Beitrag für innovative Impulse auf das gegebene Institutionengefüge. Die Annahme tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche, in der wissenschaftlichen Diskussion zunehmend als „Epochenbruch“ interpretiert (Scholz u.a. 2006), ist hier eine wichtige Hintergrundannahme. (…) Von dieser These ausgehend erscheinen alte, in früheren Entwicklungsphasen institutionalisierte Muster der Konfliktbewältigung im Bereich der industriellen Beziehungen zumindest als überprüfungsbedürftig, und neue, Politik konstituierende Handlungsansätze einer „primären Arbeitspolitik“ gewinnen an Interesse (Wolf 2001, Martens 2007b). Berührungspunkte zu den aktuellen Debatten um eine „Revitalisierung von Gewerkschaften“ (Brinkmann u. a. 2008b) sind von diesem Denkansatz her gegeben. Uns interessierte, ob eine „Zuspitzung sozialer Konflikte und politischer Kämpfe mit einer Erneuerung gewerkschaftlicher Interessenpolitik einher“ gehen würde (Urban 2008, 8)“ (S. 13f.).
TheoriebezugDie Untersuchung steht im Kontext arbeitspolitischer Debatten, die seit 2002 im Rahmen eines Wissenschaftler-Praktiker-Dialogs „Forum Neue Politik der Arbeit“ (www.FNPA.de, Scholz u.a. 2006) geführt werden und die auf Ansatzpunkte für eine neue Politik der Arbeit angesichts der im Zeichen der „neoliberalen Konterrevolution“ (Milton Friedman) eingetretenen Prozesse der Subjektivierung und Entgrenzung von Arbeit sowie der fortschreitenden Erosion der zu Zeiten des Fordismus noch tragenden Institutionen der Arbeit fokussiert sind. Zugleich gibt es einen ausgeprägten (Rück)bezug auf ältere konfliktsoziologische Ansätze, die zu Zeiten der Neugründung der Sozialforschungsstelle Dortmund darauf abgezielt hatten, den sozialen Konflikt zu einem Hauptaspekt sozialwissenschaftlicher Arbeitsforschung zu machen (rückblickend Martens 2007, S. 112ff.).
ErgebnisseNach Angaben der Autoren belegt die Untersuchung einen engen Zusammenhang von sozialem Konflikt und sozialer Innovation. Über ihre unmittelbaren - die Schließungen verzögernden und ihre sozialen Folgen mildernden - Wirkungen hinaus lassen sich mittelfristige Wirkungen und Anknüpfungspunkte für eine gewerkschaftliche Arbeitspolitik in einer mitbestimmungspolitischen, einer angestelltenpolitischen und einer gewerkschaftspolitischen Dimension aufzeigen: Die Standortkonflikte sind in ihrer mitbestimmungspolitischen Dimension Ausdruck einer erodierenden institutionellen Mitbestimmung. Sie verweisen ferner in einer Längsschnittbetrachtung zunehmend über den nationalen Handlungsrahmen hinaus. Die Zukunft wird zeigen müssen, ob die Gewerkschaften diese kritisch gegen ein „hajekanisches“ europäisches Projekt gerichtete Stoßrichtung von Standortkonflikten stärker zur Geltung bringen wollen und können. In ihrer angestelltenpolitischen Dimension bestätigen die Ergebnisse Befunde anderer neuerer Untersuchungen (Vester/Teiwes-Kügler, Boes u. a.), die auf Ansätze einer neuen Arbeitnehmerorientierung von höher qualifizierten Angestellten verweisen und liefern Hinweise auf entsprechende gewerkschaftliche Handlungsansätze. In ihrer gewerkschaftspolitischen Dimension zeigt die Untersuchung, dass in Standortkonflikten Potentiale zu einer „Revitalisierung der Gewerkschaften“ auch in betriebs- und tarifpolitischen Kernbereichen gewerkschaftlicher Arbeitspolitik virulent werden, die sonst eher in Übertragungsversuchen von Organizing-Konzepten angelsächsischer Gewerkschaften gesucht werden (Brinkmann u.a. 2008). Allerdings fällt es den Gewerkschaften bislang schwer, Neuansätze einer „primären Arbeitspolitik“ mit gewohnten institutionellen, „sekundären“ Politikmustern produktiv zu verknüpfen.
ErkenntniszielErkenntnisziel ist eine theoretisch weiterführende empirische Analyse von Standortkonflikten im Hinblick auf (1) eine Stärkung des dazu gewählten konfliktsoziologischen Zugriffs sowie (2) eine für die Praxis gewerkschaftlicher und betrieblicher Akteure gehaltvolle Interpretation von Konflikterfahrungen im abgelaufenen Konjunkturzyklus.
SelbstdefinitionDie phänomenologisch geleiteten Fallanalysen stellen „eine Rekonstruktion des jeweiligen Geschehens aus der Perspektive der verschiedenen beteiligten Akteure oder Akteursgruppen dar, die in einem methodisch kontrollierten Verfahren erstellt worden ist. Alle Fallbeschreibungen wurden dabei (wie im Methodenkapitel der Untersuchung ausführlich dargelegt) über Feedbacks mit den maßgeblichen beteiligten Akteuren „gehärtet““ (S. 59). „Das heißt nicht dass jeder Befragte, sich unsere Rekonstruktion des Falles so zu vollständig zu Eigen machen muss. Darum geht es auch gar nicht. Auch haben wir den Akteuren auch nicht ein letztinstanzliches Urteil über die Angemessenheit unserer Interpretation zugestanden. Aber Jeder sollte so dazu herausgefordert werden, auf unsere „Sicht der Dinge“ zu reagieren und Keinem wollten wir die Möglichkeit lassen einfach aus einem von uns dialogisch angelegten Prozess der Untersuchung „auszusteigen“. Jeder, der unser Angebot angenommen hat, hat über die entsprechenden Feedbackprozesse anerkannt, dass seine persönliche Konflikterfahrung mit der jedenfalls kompatibel ist, die ihm nun von Seiten einiger außen stehender Wissenschaftler vorgelegt worden ist. (…) Im Sinne des (in den 1970er Jahren an der sfs verfolgten) Konzepts, den sozialen Konflikt zu einem zentralen Forschungsaspekt zu machen, ging es also in der Tat darum, die von uns Beforschten zugleich zu „Adressaten und Partnern von Forschung und Beratung“ zu machen“ (S. 60).
MethodenbegründungEs kam „darauf an, diese jeweiligen Konfliktfälle in ihrer Ganzheit und Komplexität - in Bezug auf Bedingungen, Genese, Verlauf und Dynamik der jeweiligen konkreten Konfliktfälle, das Handeln der maßgeblichen Akteursgruppen und die ihm zugrunde liegenden und sich ggf. aus ihm heraus verändernden Handlungsstrategien - zu rekonstruieren sowie die Konfliktergebnisse zu erfassen und bewerten - und zwar insbesondere im Hinblick auf mittelfristige soziale Folgen; (…) vor allem den Zusammenhang von Konflikt und sozialer Innovation“ (S. 15).
AuswertungDie Auswertung des qualitativen Materials erfolgte in enger Verschränkung mit einer vertiefenden Bearbeitung der konzeptionellen Bezüge nach einem pragmatisierten hermeneutischen Interpretationsverfahren im Wege einer „rückkopplungsorientierten Empirie“. „Eine wichtige methodische Besonderheit (ist dabei) die Arbeit mit Gedächtnisprotokollen. Dieses Vorgehen erlaubt 1. die rasche Nutzung der jeweils gewonnenen Erkenntnisse für die darauf noch folgenden weiteren Erhebungsschritte, für die die Gesprächsleitfäden so „fortgeschrieben“ werden konnten, 2. eine zusätzliche Validierung der jeweils schon gewonnenen Erkenntnisse durch stetige Rückkopplungsschritte, 3. die Generierung zusätzlicher empirischer Erkenntnisse im gleichen Schritt sowie 4. immer auch schon erste Impulse für Transfer und neuen Dialog, ohne dass die Gesamtanlage der Untersuchung, die eher den Charakter stark grundlagenorientierter Forschung hat, sogleich zu einer Art Aktionsforschung verändert würde“ (S. 163).
FalldarstellungAlle Konfliktfälle werden im Rahmen der Untersuchung einzeln dargestellt und anschließend, vor den vertiefenden Analysen in den drei genannten Untersuchungsdimensionen, systematisch vergleichend interpretiert.
EingabeHelmut Martens

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