Abfragedetails

Suche


Veröffentlichung

Lichte, R. (1978): Betriebsalltag von Industriearbeitern. Frankfurt: Campus.

PDF-Datei Inhaltsverzeichnis

Details

InstitutionSFS Dortmund
ProjektbeteiligteLichte, Rainer
ProjektcharakterFörderung durch die Sozialforschungsstelle Dortmund im Rahmen des Projekts "Bedingungen und soziale Folgen von Betriebsstilllegungen"
weitere Veröffentlichungen
Projektlaufzeit1973-1977
ErhebungszeitraumNovember 1970 - Dezember 1971
Fälle1 Fall = 1 Betrieb = 1 Arbeitsgruppe
AuswahlWestdeutsches Stahlunternehmen, daraus ein Betrieb, das "Röhrenwerk Ruhrtal". Das Röhrenwerk hat ca. 2000 Beschäftigte, im Mittelpunkt stand eine spezielle Arbeitsgruppe (S. 11).
Erhebung14 monatige verdeckte teilnehmende Beobachtung (Mitarbeit als angelernter Arbeiter im Röhrenwerk): 248 Arbeitstage, von denen 200 protokolliert sind, außerdem Protokolle über vier Betriebsversammlungen und sechs Protestversammlungen (S. 19). Für die Analyse werden weitere Daten aus Dokumentenanalysen verwendet und Daten aus bereits nicht selbst durchgeführten Interviews und Befragungen (S. 20).
ForschungsgebietArbeiter; Gesellschaftsbewusstsein; Kooperationsformen
Fragestellung"Im Mittelpunkt der Erhebung stand das Interesse, die Reaktionen der Belegschaft in betrieblichen Alltagskonflikten zu untersuchen und Ansätze zu entwickeln, die Ambivalenz von individueller Konkurrenz und kollektivem Handeln in einer Belegschaftsgruppe im kapitalistischen Industriebetrieb zu analysieren" (S.11). Konkrete Fragen: "Wie ist der betriebliche Produktionsprozeß gegliedert und organisiert, und welchen Ort hat in ihm die untersuchte Arbeitsgruppe? In welcher Weise prägt die objektive Gestalt des Produktionsprozesses den konfliktorischen Alltag der Belegschaftsgruppe und ihre Beziehung zu anderen Gruppen? In welchen Konflikten und mit welcher Intensität treten die dem Produktionsprozeß immanenten Widersprüche im betrieblichen Alltag zutage? Wie werden sie von den Beschäftigten wahrgenommen? In welcher Weise also wird die objektive Gestalt des Produktionsprozesses durch das handelnde Subjekt (Teil-)Belegschaft im Konfliktalltag verändert? Welche Konflikterfahrung hat die Belegschaft gemacht, wie wird sie wahrgenommen und interpretiert und wie daran angeknüpft? Auf welchem Entwicklungsniveau ist dementsprechend die betriebliche Kaderorganisation? Wie ist das Verhältnis Kader zur (nicht-) handelnden Belegschaft? Auf welchem Niveau der subjektiven Vereinheitlichung trifft die Belegschaftsgruppe die Arbeitsplatzgefährdung durch die Stilllegung? An welchen entwickelten Widerstandsformen kann sie anknüpfen? Wo liegen die Grenzen dieser Abwehrpotenziale? In welcher Weise verändert sich unterdrohender Auflösung des Alltags das Alltagskonfliktverhalten der Belegschaft, bzw. inwieweit bleibt es auch unter dieser Drohung an die Erfahrungen im alltäglichen Konflikthandeln gebunden?" (S. 55f.).
TheoriebezugHintergrund sind die Studien zum Bewußtsein und Gesellschaftsbild von Arbeitern (und die Kritik hieran, dass meist nur Interviews geführt wurden und dies die Befragten aus ihrem sozialen Zusammenhang reiße, deshalb jetzt teilnehmende Beobachtung). Das Belegschaftshandeln als Forschungsgegenstand wird in einem eigenen Kapitel aufgearbeitet (S. 21ff.). Dabei immer wieder Bezug auf Kern/Schumann. "Die Entwicklung von Belegschaftshandeln wird in dieser Arbeit als Zusammenhang von objektiven Konstitutionsbedingungen des betrieblichen Alltags und des auf diese Bedingungen in der Arbeit verändernd einwirkenden Handelns der Belegschaft bestimmt. Der spezifische Ansatz dieser Arbeit ist darin zu sehen, dass dem Belegschaftszusammenhang im kapitalistischen Industriebetrieb eine besondere Qualität damit zugemessen wird, dass er nicht allein als sozialer Zusammenhang der Belegschaftsmitglieder erklärt werden kann, sondern sich aus der objektiven Struktur des betrieblichen Produktionsprozesses und der subjektiven Wahrnehmung des durch ihn konfliktorisch begründeten Alltags durch die Belegschaft als handelndem Kollektiv bestimmt" (S. 493). Ziel ist eine "betriebssoziologische Konflikttheorie" (S. 12).
ErgebnisseZunächst wird Konflikthandeln am Arbeitsplatz allgemein beschrieben (Teil D), anschließend an einem konkreten Konflikt (dem Stillegungskonflikt, Teil E). In Teil F wird der Zusammenhang von alltäglichem Konfliktverhalten und dem Verhalten im Stillegungskonflikt analysiert. Fazit: "Mit dieser Untersuchungsperspektive kann (...) belegt werden, dass formale Kaderorganisationen und ihre innere Strukturierung nicht ohne weiteres mit der Konflikttradition einer Belegschaft gleichzusetzen sind. Eine geringere Konfliktfähigkeit einer Belegschaft kann demnach weder Ergebnis von Manipulationen der Mitglieder gesetzlicher oder gewerkschaftlicher Interessenvertretung sein noch Ausdruck eines mangelnden Bewusstseins im Sinne einer fehlenden Wahrnehmung von gesellschaftlichen Interessengegensätzen, sondern sie ist Ergebnis des prozessualen Ineinanderwirkens von unausweichlich den widersprüchlichen Bedingungen des kapitalistischen Produktionsprozesses entspringenden Konflikten, der individuellen und kollektiven Konfliktrezeption und -reaktion der Belegschaft und dem Grad der Verallgemeinerung der sich daraus entwickelnden Konflikterfahrung der Belegschaft, die wiederum entscheidend von der zunächst objektiv gesetzten, dann aber auch subjektiv nachvollzogenen Struktur des Belegschaftszusammenhangs bestimmt wird. Der Konfliktgegner von Belegschaften, die Betriebsleitung, ist selber an diese Struktur gebunden" (S. 523).
ErkenntniszielEs soll ein Beitrag zur Entwicklung einer "betriebssoziologischen Konflikttheorie" geleistet werden (S. 13).
Selbstdefinition"Betriebliche Fallstudie" im Vorwort (S. 9). Selbstverständnis: Kritik an der (bisherigen) Vernachlässigung sozialer und historischer Besonderheiten untersuchter Belegschaftsgruppen und daher folgende Konsequenzen für die eigene Studie: "1. Sie versteht sich ausdrücklich als Fallstudie. Sie enthält sich weitgehend verallgemeinernder Schlussfolgerungen und beschränkt sich auf die Interpretation der betrieblichen Prozesse. 2. Sie stellt sehr differenziert die betrieblichen Handlungsbedingungen der Untersuchungsgruppe dar, um eine vergleichende Interpretation mit anderen Fallstudien zu ermöglichen, die vor allem die unterschiedlichen Bedingungen scheinbar gleicher Erscheinungsformen des betrieblichen Konflikthandelns aufzunehmen in der Lage ist" (S. 23). Es handelt sich "explizit um eine betriebliche Fallstudie, in der gerade die spezifischen Bedingungen des Betriebes zum Ausgangspunkt der Analyse gemacht werden" (S. 25).
MethodenbegründungEs gibt ein Methodenkapitel (S. 14ff.), in dem über die angewandte Methode der teilnehmenden Beobachtung reflektiert wird (z.B. mit Verweis auf einschlägige Literatur von König 1967 oder Berger 1974) und einige aufgetretene Probleme aufgezeigt werden. Auf eine genaue Darstellung der tatsächlichen Erhebung und Auswertung wird allerdings verzichtet: "Vor allem aus Gründen des Umfangs der vorliegenden Arbeit werde ich mich auf eine ergebnisorientierte Darstellung, in der der Gewinnungs- und Verarbeitungsprozeß der Daten nicht mehr transparent ist, beschränken müssen (...)" (S. 14). Die Wahl des Erhebungsinstruments wird begründet: "Die Konsequenzen der methodologischen Kritik an Einstellungsuntersuchungen fand bei der Anlage und Durchführung dieser thematisch so begrenzten Untersuchung ihren Niederschlag darin, mit Hilfe der Methode der teilnehmenden Beobachtung vorzugehen" (S. 13). Mit dem Fallstudienansatz wurde gearbeitet, weil die eigene Untersuchung eine besonders breite Darstellung der betrieblichen Besonderheiten erfordert (S. 23) (siehe Selbstdefinition): "Mir scheint aber ein solches Vorgehen (die breite Darstellung, J.P.) unumgänglich, wenn ein Ziel dieser Untersuchung, die Handlungsbedingungen einer Arbeitsgruppe im kooperativen Zusammenhang eines Industriebetriebs differenziert darzustellen, erreicht werden soll".
AuswertungNach jedem Arbeitstag wurde ein Gedächtnisprotokoll aufgenommen und nach der Beobachtungsphase verschriftet. "Grundlage dieser Tagesprotokolle waren meist Notizen, die ich während der Arbeitszeit auf der Toilette angefertigt habe" (S. 18).
FalldarstellungDer Untersuchungsbetrieb wird auf ca. 60 Seiten ausführlich dargestellt (S. 59-119), ebenso die Untersuchungsgruppe (S.137-207). Im Fließtext werden immer wieder Auszüge aus Protokollen und anderen Notizen aufgegriffen.
EingabeTUM

Zurück zur Abfrage